2.Epoche |1903–1918

1903 — Die Tele­gramm-Affä­re oder: Wie Karls­ru­he um die Deut­sche Fuß­ball-Meis­ter­schaft betro­gen wurde

von Tho­mas Alex­an­der Staisch

War aus­ge­rech­net ein Carl dar­an schuld, dass Karls­ru­he nicht schon 1903 Deut­scher Meis­ter wur­de?
Wem die berühm­te „Tele­gramm-Affä­re“ nicht so oft erzählt wur­de wie dem Autor von sei­nem fuß­ball­be­geis­ter­ten Opa, hier die Kurz­form: Im Halb­fi­na­le um die ers­te Deut­sche Meis­ter­schaft 1903 bekam der gro­ße Favo­rit Karls­ru­her FV ein Tele­gramm zuge­stellt, angeb­lich vom DFB, das die Ver­le­gung des Spiels gegen den DFC Prag in Leip­zig zum Inhalt hat­te. Die Karls­ru­her fuh­ren nicht los, wur­den dis­qua­li­fi­ziert – und Prag kam kampf­los ins Fina­le. Der ein­zig­ar­ti­ge Vor­fall im deut­schen Fuß­ball wur­de auf­grund feh­len­der Fak­ten oft­mals lus­tig aus­ge­schmückt: Laut Gerd Krä­mer („An Tagen da das End­spiel war“) saßen die KFV-Spie­ler „an einem Frei­tag­abend im Mai 1903“ im Ver­eins­lo­kal „Prinz Karl“ und „schmet­ter­ten aus vol­lem Hal­se das alte Fuß­bal­ler­lied: ‚O won­ne­vol­les Fuß­ball­spiel, du schöns­tes Spiel der Jugend, dich gut zu spie­len sei mein Ziel, das ist die höchs­te Tugend!“ In der Ecke sol­len sich bereits die Kof­fer für die Rei­se nach Leip­zig gesta­pelt haben.  Krä­mer erzähl­te dann auch thea­tra­lisch nach, wie ein geheim­nis­vol­ler Mann, natür­lich mit „tief in die Stirn gedrück­tem, breit­ban­di­gem Hut“, in einem Pra­ger Tele­gra­fen­amt „mit ver­stell­ter Stim­me ‚Tele­gramm nach Karls­ru­he’ geflüs­tert haben und spä­ter „mun­ter vor sich hin pfei­fend, aus Freu­de über den geglück­ten Streich“, davon­mar­schiert sein soll.

Ein Augen­zeu­ge ver­riet 60 Jah­re spä­ter, wie es wei­ter­ging. Der 82-jäh­ri­ge Ex-Tor­hü­ter Wil­helm Lan­ger berich­te­te 1963, wie Kapi­tän Hans Ruzek im Ver­eins­lo­kal zur Tür her­ein gestürmt kam und das Tele­gramm in der Hand schwenk­te: „Ihr könnt wie­der aus­pa­cken. Depe­sche aus Prag vom Deut­schen Fuß­ball­bund. ‚Meis­ter­schafts­spiel ver­legt. DFB.’“ Da der DFB bereits zwei Mal das Spiel ver­scho­ben hat­te, war Ruzek beru­higt. „Des­halb fin­den sie nichts dabei, wenn sie es ein drit­tes Mal ver­schie­ben!“, soll er geru­fen haben.
 

Über den exak­ten Inhalt des lei­der ver­schol­le­nen Tele­gramms gibt es meh­re­re Fas­sun­gen: Wäh­rend Krä­mers Ver­si­on die popu­lärs­te ist, steht im Bun­des­tag-Bespre­chungs­pro­to­koll des DFB: „Sonn­tags­spiel Leip­zig fin­det nicht statt – Fuß­ball­bund.“ Und der KFV will ein „dring­li­ches Tele­gramm“ mit der Bot­schaft „Spiel in Leip­zig nicht abge­hal­ten. Fuß­ball­bund“ erhal­ten haben.
Die Affä­re hat­te ein weni­ger bekann­tes, chao­ti­sches Vor­spiel: Das Match Prag gegen KFV war zuerst für den 26. April (in Prag) ange­setzt, dann auf den 10. Und spä­ter auf den 17. Mai (in Mün­chen) ver­legt wor­den. Dann woll­te man doch lie­ber Prag als Spiel­ort und leg­te sich schließ­lich für den 24. Mai in Leip­zig fest. Die Karls­ru­her erhiel­ten das omi­nö­se Tele­gramm dann am 23. Mai, Sams­tag­mit­tags um 11.30 Uhr.
Beim 6. Bun­des­tag des DFB am 31. Mai 1903 in Ham­burg gab es wegen des Kri­mi­nal­falls dann eine „leb­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung“. Dis­ku­tiert wur­de vor allem die Spiel­ver­le­gung und schnell war ein böser Bube gefun­den: Gegen den Bun­des­schrift­füh­rer Carl Perls vom Ber­li­ner FC For­tu­na 1894 (der im Vier­tel­fi­na­le noch als Schieds­rich­ter zum Ein­satz gekom­men war) und den Bun­des­kas­sier wur­de ein Miss­trau­ens­vo­tum gestellt. „Herr Perls trägt die Schuld am Aus­schei­den des Karls­ru­her Ver­eins“, erklär­te der Bun­des­tag kur­zer­hand. Er soll sei­ne Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten und dem Spiel-Aus­schuss vor­ge­schla­gen haben, beim Wahl des Spiel­orts nicht auf die Wün­sche der Karls­ru­her zu hören, son­dern auf die Bun­des­kas­se. Zugleich wur­de fest­ge­stellt, dass den KFV kei­ner­lei Schuld am Nicht­zu­stan­de­kom­men des Spiels traf – in den Medi­en (Ber­li­ner Tages­blatt, Nord­deut­sche All­ge­mei­ne, Neu­es Wie­ner Tag­blatt) waren die Schwarz­ro­ten noch hef­tig atta­ckiert wor­den. Die Neue Sport­wo­che hat­te z.B. am 21. Mai geschrie­ben, dass der KFV „schein­bar nicht viel Wert auf die Meis­ter­schaft bei­gelegt“ habe, denn „sonst hät­ten sie wohl nicht so leicht auf die Teil­nah­me Ver­zicht geleis­tet“. Durch ihr Aus­schei­den wür­de „die soge­nann­te Deut­sche Meis­ter­schaft sehr an Inter­es­se“ ver­lie­ren. 
Der KFV hat­te zurück­ge­schos­sen und am 11. Juni (u.a. im „Sport im Wort“) eine Stel­lung­nah­me mit dem Titel „Die vol­le Wahr­heit“ ver­öf­fent­licht. Dar­in wur­de der DFB hef­tig kri­ti­siert: So kam her­aus, dass die Ter­min­lis­te zur Aus­tra­gung der Meis­ter­schaft kurz­fris­tig zusam­men­ge­schus­tert und nicht ver­öf­fent­licht wor­den war. Der ers­te Spiel­ter­min am 26. April war dem Meis­ter­schafts­fa­vo­ri­ten nur Tage zuvor mit­ge­teilt wor­den: „Es war uns voll­stän­dig unmög­lich, nach Prag zu rei­sen. Der K.F.V. kann an einem gewöhn­li­chen Sonn­tag kei­ne Rei­se von 38 Stun­den machen, da 4 Schü­ler in der Mann­schaft sind und wei­te­re 5 fes­te Stel­lun­gen haben, und von die­sen 9 nur der eine oder ande­re frei­be­kom­men hät­te!“ Außer­dem for­der­te man „glei­ches Recht für bei­de“ und damit einen neu­tra­len Spiel­ort. Als die Rekla­ma­ti­on nichts brach­te, schlug man Mün­chen vor und klär­te in Eigen­re­gie das Finan­zi­el­le mit dem Inter­na­tio­na­len Sport Club Mün­chen ab.
Die Schwarz­ro­ten muss­ten zudem fest­stel­len, dass der DFB kei­ne Lust hat­te, direkt zu kom­mu­ni­zie­ren, son­dern alle News über das „Pra­ger Tag­blatt“ ver­öf­fent­lich­te (es gab ins­ge­samt 13 Mel­dun­gen rund um das Match in besag­ter Zei­tung!) – nur auf tele­gra­phi­sche Anfra­gen reagier­te man ab und zu. Dabei ver­han­del­te man mit einem gewis­sen Herrn Dar­kow, der gleich­zei­tig auch als Schieds­rich­ter der Begeg­nung ein­ge­teilt war.
Der DFB teil­te dann humor­los mit, dass man in Mün­chen zu wenig Geld ein­neh­men und bei Nicht­an­tritt das Spiel als ver­lo­ren zäh­len wür­de. Der KFV blieb stur, der DFB kam zehn Tage spä­ter mit einem Ver­mitt­lungs­an­ge­bot um die Ecke und bot Leip­zig als Spiel­ort an. „Wir sag­ten zu, obwohl wir mit Ersatz hät­ten spie­len müs­sen. Alles war zur Abfahrt bereit, als das Unglaub­li­che geschah, dass uns jetzt dar­an zwei­feln lässt, ob in Prag alles auf recht­li­che Wei­se zuging!“

Und war­um waren die Karls­ru­her nicht miss­trau­isch? „Da wir bis jetzt alle Nach­rich­ten von Prag bekom­men hat­ten, so zwei­fel­ten wir nicht an der Echt­heit des Tele­gramms. Wir hiel­ten es nicht für mög­lich, dass ein deut­scher Sports­mann eine Urkun­den­fäl­schung bege­hen kann und hiel­ten die Unter­schrift ‚Fuss­ball­bund’ für berech­tigt“, so der KFV. Erst am dar­auf­fol­gen­den Diens­tag will der KFV – wie­der­um aus dem „Pra­ger Tag­blatt“ – vom Betrug erfah­ren haben und, dass es kei­ne zeit­li­che Mög­lich­keit mehr gab, vor dem Fina­le eine Halb­fi­na­le zu spie­len. Inter­es­san­ter­wei­se erklär­te erwähn­ter und eigent­lich bes­tens infor­mier­ter Schi­ri Dar­kow spä­ter vor Ort Prag zum Sie­ger – und ließ ein Pri­vat­spiel gegen den Leip­zi­ger BC aus­fech­ten (1:1), wobei „bei­de Par­tei­en sich nicht beson­ders anstreng­ten“.
Der Urhe­ber der gefälsch­ten Depe­sche, die „schwar­ze Hand“ („Kicker“-Journalist Joseph Mich­ler), wur­de nie ermit­telt, es liegt aber der Ver­dacht nahe, dass ein Kom­plott um den DFB-Prä­si­den­ten und umstrit­te­nen „Ras­sen­hy­gie­ni­ker“ Dr. Fer­di­nand Huep­pe statt­fand (er war auch gro­ßer Anhän­ger des Nackt-Ruderns), der nicht zufäl­lig 1. Vor­sit­zen­der des Pra­ger Ver­eins war. Neben den dubio­sen Spiel­ver­le­gun­gen und Regel­än­de­run­gen zuguns­ten der Pra­ger trat die Mann­schaft zu allem Über­fluss auch noch mit sie­ben (!) öster­rei­chi­schen Natio­nal­spie­lern zum End­spiel an, die nicht spiel­be­rech­tigt waren und täusch­te sei­nen Geg­ner im Vor­feld mit einer fal­schen Auf­stel­lung.
Genutzt hat­te der gan­ze Betrug nichts: Das nicht ein­ge­spiel­te Pra­ger Team ging gegen den VfB Leip­zig mit 2:7 unter. Heu­te unvor­stell­bar: Wie beim Ur-Län­der­spiel 1899 fehl­te auch beim Fina­le 1903 zunächst ein Spiel­ball, quer durch das Spiel­feld (die „Exer­zier­wei­de“ in Ham­burg-Alto­na) führ­te gar ein kies­be­streu­ter Fußgängerweg!

Auch der KFV hat­te einen Schul­di­gen im Visier, aller­dings nicht expli­zit DFB-Boss Huep­pe: „Der DFC kann nun behaup­ten, er wis­se nichts von dem Tele­gramm, wir behaup­ten jedoch, solan­ge bis der DFC unse­re Mei­nung wider­legt, dass nur ein Mit­glied des DFC, wenn auch ohne Voll­macht des Ver­eins, so doch in Über­ein­stim­mung mit des­sen Wün­schen die­se Fäl­schung began­gen hat, denn nur ein Mit­glied konn­te der­art in die Ver­hand­lun­gen ein­ge­weiht sein und so viel Inter­es­se für den DFC bekun­den, dass er eine der­ar­ti­ge Fäl­schung beging, um dem DFC bis zum Ent­schei­dungs­spiel zu ver­hel­fen. Der DFC, mit die­ser Hel­den­tat nicht zufrie­den, ver­öf­fent­lich­te Berich­te, die der Wahr­heit ins Gesicht schla­gen und uns von Sei­ten des Herrn 1. Vor­sit­zen­den des DFB, Herrn Huep­pe, den Vor­wurf ein­brach­ten, der KFV hät­te unsport­lich gehan­delt.“
Als nega­ti­ve Fol­gen führ­te man noch an, dass man renom­mier­ten Geg­nern wie Gras­shop­pers Zürich oder Wien an Pfings­ten zuguns­ten des DFB abge­sagt hat­te. Und gegen Sla­via Prag woll­te man dann aus gutem Grund nicht mehr spie­len. Außer­dem trat man von Sei­ten des KFV ein biss­chen nach und führ­te an, dass Prag bereits 1902 „aus peku­niä­ren Rück­sich­ten den sport­li­chen Anstand“ ver­ges­sen hat­te – und die Karls­ru­her trotz Absa­gen bei einem Mini-Tur­nier in Prag anrei­sen ließ, um sie dann frisch aus­ge­ruht zu schla­gen.
Der DFB ver­tei­dig­te wie erwähnt die Karls­ru­her (und auch die Pra­ger Elf), ent­schul­dig­te das gefälsch­te Tele­gramm aber lapi­dar als „Buben­stück eines Pra­ger ‚Sports­man­nes’“. In sei­ner Jubi­lä­ums­schrift 1950 sprach der DFB von einem „bedau­er­li­chen Zwi­schen­fall, der geeig­net war, die gan­ze Meis­ter­schaft in Gefahr zu brin­gen“. Er begrün­de­te sei­ne Hal­tung, den KFV zu dis­qua­li­fi­zie­ren, damit, „dass das Tele­gramm Beden­ken aus­lö­sen und zu einer fern­münd­li­chen Rück­fra­ge hät­te anre­gen müs­sen“ – also, dass „bei der Nach­prü­fung des Tele­gramms nicht die nöti­ge Sorg­falt“ an den Tag gelegt wor­den war.
Mit Tele­gram­men hät­te sich Karls­ru­he eigent­lich aus­ken­nen müs­sen: Am 22. Novem­ber 1794 wur­de die aller­ers­te „Draht­bot­schaft“ Deutsch­lands in der Resi­denz­stadt ver­schickt – vom Turm­berg aus ins Schloss, zu Ehren des Geburts­tags von Mark­graf Karl Fried­rich. Es han­del­te sich um ein klei­nes Gedicht (u.a.: „O Fürst, sieh hier, was Teutsch­land noch nie sah/Wie Dir ein Tele­graph heut Segens­wün­sche schi­cket“), die Depe­sche war damals in „weni­ger als zehn Minu­ten deut­lich und sicher signa­li­siert“.
Was kaum einer weiß: Der KFV, damals in der Auf­stel­lung Wil­helm Lan­ger, Fritz Gutsch, Zweerts, Albert Alter­heim, Ivo Schri­cker, Hol­der­mann (Karl Sau­ter), Hans Ruzek, Lud­wig Heck, Rudolf Wetz­ler, Juli­us Zin­ser, Fritz Lan­ger (Otto Jüng­ling) unter­wegs, for­der­te Leip­zig nach dem Fina­le angeb­lich zu einem „Her­aus­for­de­rungs­kampf, um sie sei­ner Meis­ter­wür­de zu ent­thro­nen“ (DFB). Die Karls­ru­her ver­lo­ren 7:3, was beim Fuß­ball­bund erleich­tert auf­ge­nom­men wur­de: „Der pein­li­che Ein­druck wur­de somit bald ver­wischt.“ In der 25-Jah­res­fest­schrift hat­te der DFB noch ange­merkt, dass die Meis­ter­schaft durch die Affä­re („ver­häng­nis­vol­ler Buben­streich“) „an Wert ver­lo­ren hät­te, da der DFC Prag nie­mals zum Schluss­spiel gelangt“ wäre.
Auch Leip­zig, der frisch­ge­ba­cke­ne Trä­ger der „Bun­des-Meis­ter­wür­de“, kann­te die kurio­sen Fak­ten: „Trotz des offen­sicht­li­chen Betrugs erklär­te der DFB den Karls­ru­her FV für dis­qua­li­fi­ziert. Der Deut­sche FC Prag zog so also ins Fina­le ein, ohne vor­her auch nur ein Spiel bestrit­ten zu haben, Leip­zig immer­hin drei“, schreibt die Leip­zi­ger Chro­nik.
Den sport­his­to­ri­schen „Schur­ken­streich“ hat sogar Gün­ther Grass in sei­nem Werk „Mein Jahr­hun­dert“ erwähnt, im Ein­trag für das Jahr 1903. Für Grass  – er schreibt aus der Sicht eines Leip­zi­ger Spie­lers – waren die „schus­se­li­gen Her­ren im KFV-Vor­stand“ Schuld gewe­sen, die sich von dem „üblen Trick“ hin­ters Licht hat­ten füh­ren lassen.

Wäh­rend die Tele­gramm-Affä­re von 1903 (Fußball-)Geschichte geschrie­ben hat, ist weni­ger bekannt, dass sich knapp sie­ben Jah­re spä­ter ein zwei­tes, dra­ma­ti­sches „Tele­gramm-Gate“ um den KFV abspiel­te. Die Schwarz­ro­ten muss­ten am 27. Febru­ar 1910 in Pforz­heim antre­ten und gewin­nen, um in der Tabel­le mit Phö­nix Karls­ru­he noch gleich­zu­zie­hen. Die Abfahrt war auf 11.38 Uhr (und das Spiel auf „½ 3 Uhr“) fest­ge­legt, als Links­ver­tei­di­ger Hol­lstein ein in Karls­ru­he auf­ge­ge­be­nes Tele­gramm mit fol­gen­dem Inhalt erhielt: „Abfahrt Pforz­heim 2.31 Uhr, Spiel 4 Uhr. Max“. Als Hol­stein sich tele­fo­nisch bei Max Schwar­ze erkun­dig­te, wuss­te der lin­ke KFV-Läu­fer aller­dings von nichts – bei bei­den Spie­lern schrill­ten die Alarm­glo­cken! „Böses ahnend ver­ab­re­de­ten sie einen Patrouil­len­gang per Rad zu machen, um ihre Mit­spie­ler vor dem Hin­ter­häl­ti­gen zu war­nen“, wird in der „Süd­deut­schen Sport­zei­tung“ berich­tet. Und es wur­de noch teuf­li­scher: Bei sei­ner Rück­kehr soll Schwar­ze ein zwei­tes Tele­gramm von unbe­kannt vor­ge­fun­den haben! Inhalt: „Spie­le nicht wegen Todes­fall. Kei­ne Besu­che. Hol­stein.“ Der Rest ist bekannt: Der KFV ließ sich vom „Tele­gramm-Phan­tom“ nicht ver­rückt machen, reis­te pünkt­lich an und putz­te Pforz­heim mit 5:0. Und nach einem 3:0 über Phö­nix im Ent­schei­dungs­spiel wur­de man Süd­deut­scher Meis­ter – und spä­ter Deut­scher Meis­ter. Auch in die­sem Fall wur­de der Übel­tä­ter nie ermit­telt (viel­leicht hät­te man bei einem Phö­nix-Fan nach Hin­wei­sen suchen sol­len?). Es gab aller­dings media­le Schel­te: Der Absen­der sol­le sich bit­te­re Vor­wür­fe machen, dass er die eine Mark für das Tele­gramm nicht für die nächs­te Mes­se zurück­ge­legt habe (und für den Kauf eini­ger Zucker­stan­gen), „denn die­se Zei­ten scheint er noch nicht so weit hin­ter sich zu haben. Jeden­falls hät­te er dann im höchs­ten Fal­le Leib­schmer­zen bekom­men; Was er jetzt bekommt, weiß man noch nicht!“
„Böse­wicht“ Carl Perls vom DFB mach­te übri­gens nicht nur durch die ver­patz­te Meis­ter­schaft 1903 von sich reden: Er kämpf­te auch ver­bis­sen und bereits ab 1900 gegen eng­li­sche Begriff und die „Fremd­wör­ter­seu­che“ (Perls) im deut­schen Fußball.

1904: Nächs­ter Skan­dal — Meis­ter­schaft wird nach Ein­spruch des KFV abgesagt

Auch im fol­gen­den Jahr schei­ter­te der KFV, da er das ers­te End­run­den­spiel gegen Bri­tan­nia Ber­lin mit 1:6 ver­lor. Etli­che Stamm­spie­ler des KFV hat­ten kei­nen Urlaub für die lan­ge Rei­se nach Ber­lin bekom­men und die Bahn­fahrt steck­te den Spie­lern, die zur Halb­zeit noch nur knapp mit 1:2 hin­ten gele­gen hat­ten, zudem in den Kno­chen. Da das Spiel aber ent­ge­gen der Regel nicht an einem neu­tra­len Ort statt­fand, war der KFV auch nur unter Pro­test ange­tre­ten. Das neue DFB-Prä­si­di­um unter der Lei­tung des KFV-Vor­sit­zen­den Fried­rich Wil­helm Nohe gab dem Ein­spruch des KFV statt und setz­te die Deut­sche Meis­ter­schaft in die­sem Jahr kur­zer­hand aus. 
 

Vier­tel­fi­na­le, Deut­sche Meis­ter­schaft 1904, 24.04.1904

Ber­li­ner T u.FC Uni­on 1892 — Karls­ru­her FV 6:1 (2:1)

KFV-Auf­stel­lung: W. Lan­ger, E. Schri­cker, F. Gutsch, Häf­ner, Dr. Ivo Schri­cker, H. Ruzek, Schnei­der, F. Lan­ger, Häring, J. Zin­ser, L. Heck

Die KFV-Mann­schaft von 1904: Häf­ner, Juli­us Zin­ser, Dr. Ivo Schri­cker, Alten­hein, Lou­is Heck, Fritz Lan­ger, Roth, Hol­der­mann, Wil­helm Lan­ger, Ralf Wetz­lich, Fritz Gutsch, Zweerts, Brei­ning. Quel­le: KFV. 

1905 — Frü­her Alt­meis­ter gegen spä­ten Rekord­meis­ter: Die ers­te Begeg­nung gegen die Bayern

(Aus der Chro­nik des FC Bay­ern Mün­chen)

„Das ers­te Spiel gegen den K.F.V.
Einen neu­en Antrieb erfuhr der F.C. Bay­ern durch das größ­te sport­li­che Ereig­nis sei­ner Jugend­jah­re, als näm­lich der dama­li­ge Süd­deut­sche Meis­ter „Karls­ru­her Fuß­ball-Ver­ein“ auf dem Platz an der Cle­men­stra­ße im Mai 1905 nur mit einem Haar sei­ner ers­ten Nie­der­la­ge ent­ging. Mit einem 0:0 zog der gefürch­te­te K.F.V. damals ab. Das war aber auch ein Spiel wie man es bis dahin in Mün­chen noch nicht gese­hen hat­te. Frei­lich war es nicht so ein­fach, den berühm­ten K.F.V. nach Mün­chen zu bekom­men; denn in der Kas­se waren weni­ge Mark und der Ein­nah­men bei den vor­aus­ge­gan­gen Spie­len waren eben­falls nur weni­ge. Aber der K.F.V. muß­te her, kos­te was es wol­le. So gab man denn an die Mit­glie­der Gut­schei­ne hin­aus, um wenigs­tens das Fahr­geld wie ver­langt, vor­her nach Karls­ru­he sen­den zu können.“

Bayern münchen am 17.5.1905
Der KFV beim FC Bay­ern am 17. Mai 1905, Quel­le: KFV.

Deut­scher Vize­meis­ter 1905 — KFV erst­mals im Finale

11. Juni 1905, Köln: Nie­der­la­ge trotz hol­län­di­scher Unter­stüt­zung
End­lich war es geschafft! Der KFV stand nach dem 1:0 gegen den Duis­bur­ger SV zum ers­ten Mal im Fina­le der deut­schen Meis­ter­schafts­en­drun­de. Die Duis­bur­ger waren nach einem sehr zähen Kampf besiegt wor­den, „indem Zin­ser aus ca. 3 Meter Ent­fer­nung einen von Hol­der­mann gezen­ter­ten Ball unge­deckt ein­sen­den“ konn­te (Neue Sport­wo­che, 28.05.1905). Die Anfahrt der Spie­ler und Fans zum End­spiel kann­te 1905 noch ande­re Dimen­sio­nen: Neben dem Fahr­geld zahl­te der DFB 15 Mark für Unter­kunft und Ver­pfle­gung. Für den Ber­li­ner Kon­tra­hen­ten des KFV führ­te der Weg vom Anhal­ter Bahn­hof in der vier­ten Klas­se (Holz­bän­ke) nach Köln, wo sich die Haupt­städ­ter abends erst noch um eine Unter­kunft bemü­hen muss­ten. Die Ber­li­ner Mann­schaft wur­de von genau einem(!) Schlach­ten­bumm­ler beglei­tet: August Wink­ler, der vom Beruf Löwen­bän­di­ger war. Elf sol­cher Löwen­bän­di­ger waren auch auf dem Platz von­nö­ten, wenn man der zeit­ge­nös­si­schen Sport­pres­se glau­ben moch­te, die den KFV bereits als gro­ßer Favo­rit han­del­te. Gekom­men ist es – wie so oft im Fuß­ball – ganz anders: Nach 10. Minu­ten war es schon pas­siert: „Wagen­seil […] ließ eine Flan­ke Pis­aras raf­fi­niert abrut­schen und am ver­dutz­ten Hüter vor­bei ging der Ball hin­ein“. KFV-Kee­per Schier­beek lag mit dem Spiel­ball geschla­gen in der rech­ten Ecke des Tores: 1:0 für Ber­lin. Geschockt vom frü­hen Gegen­tor gelang es den Bade­nern nicht mehr, ent­schei­den­de Spiel­an­tei­le zu gewin­nen. Inter­es­san­te Rand­no­tiz: In gro­ßer Zahl wohn­ten Hol­län­der (mehr­heit­lich von Spar­ta Rot­ter­dam) dem End­spiel in Köln bei. Ob das an den bei­den nie­der­län­di­schen KFV-Spie­lern lag? Offen­sicht­lich war zumin­dest, auf wel­che Par­tei sich der west­li­che Nach­bar schlug: Mit dem Schlacht­ruf „Hepp, hepp Karls­ru­he“, feu­er­ten sie den KFV fre­ne­tisch an. Doch auch in der zwei­ten Hälf­te zeig­ten die Karls­ru­her kei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung. Das „Lauf‑, Stoß- und Schwung­spiel, [..] das blitz­schnel­le, von Kurt Hein­rich bestimm­te Kom­bi­na­ti­ons­zü­ge ein­ge­floch­ten wur­den, spitz und eckig genug“ über­rasch­te den Favo­ri­ten. In der 50. Minu­te sicher­te Kurt Hein­rich „den Ball, gab ihn flach an Mit­tel­stür­mer Früh­de, die­ser umspiel­te – Schri­cker (!!). Der bes­te Spie­ler des KFV war Ivo Schri­cker. Er „trug die gan­ze K.F.V.-Mannschaft auf sei­nen Schul­tern. So war sie durch den unver­mu­te­ten Elan der Reichs­haupt­städ­ter aus den Fugen gegan­gen“. Dann ein Blitz-Kreuzpaß­ball zu Pis­a­ra, der das gan­ze Feld auf­roll­te. Der aal­ge­wand­te Links­au­ßen ging durch. Einen Augen­blick besann er sich: soll­te er schie­ßen? Schnel­ler als gedacht und gesagt, ent­schloß er sich zu etwas Bes­se­rem, — er gab an sei­nen Neben­mann rechts ab. Her­zog stand so güns­tig vor der ent­blöß­ten Tor­hälf­te, daß ein Ruck genüg­te, um den Ball unheim­lich scharf gegen die Netz­wand zu sto­ßen“. Der KFV-Goa­l­mann Schier­beek zeig­te ein famo­ses Spiel, Fritz Gutsch, Adolf Bou­vy und Rudolf Wetz­ler ent­täusch­ten hin­ge­gen. Nach dem Spiel wur­den bei­de Mann­schaf­ten vom DFB zu einem Ban­kett ein­ge­la­den. Der gast­ge­ben­de Ver­ein Köln 99 (ein Vor­gän­ger des 1. FC Köln), über­reich­te den gewin­nen­den Ber­li­ner einen Lor­beer­kranz mit roter Schlei­fe und einer Wid­mung. Kurio­se Begleit­erschei­nung: Wie­der ange­kom­men in Ber­lin, wur­den die Spie­ler der Uni­on wegen der roten Schlei­fe von Poli­zis­ten ange­hal­ten, da sie in den Spie­lern ver­kapp­te Sozia­lis­ten ver­mu­te­ten, die auf dem Weg zu einer Kranz­nie­der­le­gung waren („Aber mit Humor und einer Por­ti­on Ber­li­ner Mut­ter­witz konn­te die Situa­ti­on geklärt wer­den“). In Ber­lin selbst nahm man nicht viel Notiz von der gewon­nen Meis­ter­schaft. Uni­on Ber­lin fusio­nier­te spä­ter übri­gens mit Vor­wärts 90 Ber­lin zum SV Blau-Weiß 90 Ber­lin, der 1987 ein kur­zes Inter­mez­zo in der Bun­des­li­ga ein­leg­te, ehe er 1992 Kon­kurs anmel­de­te und schließ­lich auf­ge­löst wur­de. Als Nach­fol­ger grün­de­te sich 1992 ein Fuß­ball­ver­ein mit glei­chen Namen, der sich als Nach­fol­ger sieht.
In Köln-Mer­heim auf dem Platz von Köln 99, stan­den sich die bei­den Kon­tra­hen­ten 1905 in einem der bedeu­tends­ten Sport­stät­ten Deutsch­lands gegen­über: Im Wei­den­pe­scher Park. 2002 wur­den hier noch die ent­schei­den­den Spiel­sze­nen für den Film „Das Wun­der von Bern“ gedreht. Es ist das Sta­di­on mit der wahr­schein­lich ältes­ten Holz-Stahl-Tri­bü­ne des Lan­des. Ab 2012 wur­de das alte Spiel­feld teil­wei­se als Park­platz benutzt. 

End­spiel um die deut­sche Meis­ter­schaft 1905, 11. Juni 1905:
Ber­li­ner TuFC Uni­on 92 – KFV 2:0 (1:0)

KFV: Wil­lem Chris­tia­an Schier­beek, Fritz Gutsch, Adolf Bou­vy – Wil­helm Lan­ger, Ivo Schri­cker, Max Schwar­ze, Franz Ruzek, Lou­is Heck, Rudolf Wetz­ler, Juli­us Zin­ser, A. Hol­der­mann
Sta­di­on: Wei­den­pe­scher Park, Köln. Zuschau­er: 3.500,
Schieds­rich­ter: Dr. Regi­nald Joseph Westendarp (Ham­burg)
Tore: 1:0 Wagen­seil (10.), 2:0 Her­zog (50.)

KFV-Mannschaft 1905
KFV-Mann­schaft 1905: Wetz­ler (1), Gutsch (2), Zin­ser (4), Ivo Schri­cker (5), Schwar­ze (6) und Ruzek (9)
Das Köl­ner Sta­di­on „Wei­den­pe­scher Park“. Quel­le: Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von stadionwelt.de / lin­kes Foto von André Ahlert).
Ankün­di­gung des KFV in einer Pra­ger Sport­zei­tung. Anlass war das Freund­schafts­spiel gegen Sla­via Prag (1905). Quel­le: KFV-Archiv.

Die Gebrü­der Link oder war­um der KFV 1906 als amtie­ren­der Vize­meis­ter nicht an der deut­schen Meis­ter­schaft teilnahm

Der beid­fü­ßig spie­len­de Hein­rich Link kam zusam­men mit sei­nem Bru­der Eugen von Fran­ko­nia Karls­ru­he zum KFV. 1905/06 besaß Hein­rich Link nur eine Spiel­ge­neh­mi­gung für die zwei­te Mann­schaft des KFV und durf­te folg­lich zunächst nicht für die ers­te Mann­schaft spie­len. Den­noch wur­de er in der ers­ten Mann­schaft ein­ge­setzt, mit dra­ma­ti­schen Fol­gen: Alle Spie­le der Sai­son 1905/06 wur­den gegen den KFV gewer­tet. Für die Deut­sche Fuß­ball­meis­ter­schafts­en­drun­de wur­de der amtie­ren­de Vize­meis­ter dis­qua­li­fi­ziert. Der pein­li­che Regle­ment­ver­stoß wur­de spä­ter beschwich­ti­gend im Sin­ne einer „Dis­qua­li­fi­ka­ti­on wegen Form­feh­ler“ tot­ge­schwie­gen. Eugen und Hein­rich Link blie­ben dem KFV wei­ter erhal­ten. Aus bei­den Spie­lern wur­den spä­ter erfolg­rei­che Trai­ner: Hein­rich Link wur­de 1921/22 vom FV Dax­lan­den als Trai­ner ver­pflich­tet. Link gelang es mit Dax­lan­den Meis­ter der B‑Klasse zu wer­den und stieg mit einem Sieg im Ent­schei­dungs­spiel gegen Söl­lin­gen in die A‑Klasse auf. Nach einer durch­schnitt­li­chen Run­de 1922/23 wur­de der FVD im dar­auf­fol­gen­den Jahr Meis­ter in der A‑Klasse und schaff­te damit den Ein­zug in die erst­klas­si­ge Kreis­li­ga. Schon im ers­ten Jahr konn­ten Links Schütz­lin­ge hin­ter dem Meis­ter KFV den 2. Platz errin­gen. Eugen Link (21. Juli 1893 in Karls­ru­he) trai­nier­te 1925 den 1. FC Bruch­sal, der u.a. vom dama­li­gen KFV-Spie­ler Quas­ten unter­stützt wur­de und nur knapp den Sprung in die Bezirks­li­ga Württemberg/Baden, der dama­li­gen höchs­ten Spiel­klas­se, ver­pass­te. 1934/35 wur­de Eugen Link Trai­ner der 1. Mann­schaft des KFV.

Der KFV und die Bruch­sa­ler Fußballvereinigung.Datiert auf den Febru­ar 1906, ver­mut­lich aber jün­ger. Quel­le: Micha­el Quell/100Jahre 1899 Bruchsal.
1906
1907
Heinrich Link Karlsruhe
Nach­ruf zu Hein­rich Link in “Der Füh­rer”, 26. August 1938. Sei­ne Rol­le im Jahr 1905 wird hier nicht erwähnt. Quel­le: KFV-Archiv.
KFV-Vor­stand Ernst Roth (1882 — 7.4.1952) lädt den Ober­bür­ger­meis­ter zum „Gesell­schafts­spiel“ gegen New­cast­le United ein (1907). Der stu­dier­te Diplom-Inge­nieur Roth zog spä­ter nach Pots­dam. Quel­le: Stadt­ar­chiv Karlsruhe.
Vom Spiel Borus­sia Neun­kir­chen — KFV 1:4, Weih­nach­ten 1907 im Lan­der­thal. Der KFV mit Hirsch, Kohl­be­cher, Odo­ri­co, Lie­de, Tscher­ter, Hüber, Blat­ter, Dell, Schwar­ze (mit Shawl), sit­zend: Bosch, Groß, zwi­schen Jen­ne­wein O. und Odo­ri­co: Fr. Pfeil­stü­cker. Schieds­rich­ter. Quel­le: Micha­el Quell/Festschrift Borus­sia Neun­kir­chen 25 Jahre.
Die Fußballmannschaft der Universität Oxford zu Gast beim KFV, 1907. Quelle: Skrentny.
Die Fuß­ball­mann­schaft der Uni­ver­si­tät Oxford zu Gast beim KFV, 1907. Quel­le: Skrentny.
Die KFV-Mannschaft im Jahre 1908. Quelle: KFV.
Die KFV-Mann­schaft im Jah­re 1908. Quel­le: KFV.
PlakatKFV1908
1. Mann­schaft des KFV im Jah­re 1909: v. l. n. r.: Max Schwar­ze, Curt Hüber, Adolf Dell, Ernst Hol­lstein, unten Fritz Fuchs, Her­mann Bosch, Max Bre­u­nig, Fritz Tscher­ter, Hans Ruzek, Fritz För­de­rer, Juli­us Hirsch. Quel­le: KFV. 
1909 Stuttgarter Kickers
Die KFV-Elf vor einem Spiel gegen die Stutt­gar­ter Kickers. Quel­le: KFV.


Halb­fi­na­le 1910: Der ältes­te Film im deut­schen Fuß­ball – und das Spiel des Jahrhunderts

von Tho­mas Alex­an­der Staisch

Der Film, der Anfang Juni 2013 auf­taucht, dau­ert nur gan­ze zwei Minu­ten und 14 Sekun­den – ist aber eine ech­te Sen­sa­ti­on. Denn die holp­ri­gen Schwarz­weiß-Auf­nah­men sind stol­ze 103 Jah­re alt und zei­gen ein deut­sches Fuß­ball­spiel in beweg­ten Bil­dern! Und das kam so: Als der Autor Tho­mas Sta­isch rou­ti­ne­mä­ßig das Archiv des „Bri­tish Film Insti­tuts“ (BFI) in Lon­don durch­fors­te­te, ent­deckt er einen nicht für mög­lich gehal­te­nen Ein­trag: „Fuss­ball­wett­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft in Karls­ru­he i.B. am 1. Mai 1910“. Der Satz stellt die bis­her bekann­te Fuß­ball­ge­schich­te auf den Kopf, denn die frühs­ten Auf­nah­men deut­scher Kicker sol­len laut DFB, Bun­des­ar­chiv u.a. von 1923 und 1924 stam­men – und zei­gen Län­der­spie­le gegen Hol­land (0:0) und Ita­li­en (0:1). Der Jour­na­list fliegt nach Groß­bri­tan­ni­en, lässt sich die 35-Mil­li­me­ter-Rol­le aus­he­ben und vor­füh­ren. Die Über­ra­schung ist per­fekt: Der Strei­fen ist echt, er zeigt tat­säch­lich knapp 21 Sze­nen aus dem berühm­ten Halb­fi­nal­spiel zwi­schen dem KFV und Phönix. 

Unab­hän­gig von der sport­his­to­ri­schen Bedeu­tung las­sen sich anhand des „Schat­zes“ auch die Daten des spek­ta­ku­lä­ren Spiels bewei­sen – oder wider­le­gen. So bestä­ti­gen die Auf­nah­men erst­mals nicht nur den Zuschau­er­re­kord, son­dern auch die Exis­tenz von Tor­rich­tern (in wich­ti­gen Begeg­nun­gen): In meh­re­ren Sze­nen ist ein „Lines­man“ in Zivil und mit wei­ßer Fah­ne zu erken­nen, der neben dem Goal sei­nen Dienst tut. Außer­dem scheint selbst die „Legen­de von den zwei Bla­sen“ wahr zu sein: Denn auf den Bil­dern schla­gen selbst aus­ge­zeich­ne­te Tech­ni­ker unter den Spie­lern mehr­mals wild über den eigen­ar­tig hop­peln­den Ball.

Und wie wur­de der Film (ca. 54 Meter Län­ge, 16 Bil­der pro Sekun­de) gedreht? Auf der Höhe eines Straf­raums (von der KFV-Tri­bü­ne aus gese­hen beim rech­ten Tor) wur­de eine ein­zi­ge Kame­ra plat­ziert: Kamen die Spie­ler dann aufs Tor gelau­fen, wur­de gefilmt – sonst nicht. Bei den Pro­du­zen­ten des Sen­sa­ti­ons-Strei­fens han­delt es sich ver­mut­lich um die Kauf­leu­te Bern­hard Gott­hart, Franz Wenk, Franz Stei­ger und Oscar Köch­ler, die den Film in ihrem Kino, dem „Welt-Kine­ma­to­graph“ (1906 eröff­net) in Frei­burg und wahr­schein­lich auch ande­ren Licht­spiel­thea­tern vor­führ­ten. Auch die Vor­ge­schich­te des Films ist jetzt bekannt: Der Strei­fen kam von Frei­burg per Schen­kung oder Ver­kauf zur berühm­ten Samm­lung des Schwei­zer Jesui­ten­pa­ters und Film­pio­niers Abbé Joye (1852–1919), der ab 1900 Vor­füh­run­gen ver­an­stal­te­te und 1906 in Basel das ers­te Film­thea­ter („Kino Bor­ri“) des Lan­des eröff­ne­te. Er hin­ter­ließ tau­sen­de teils ver­schol­len geglaub­te Titel, alle auf Nitrat­ba­sis, die hoch­sen­si­bel zu hand­ha­ben waren. Grund: Fil­me mit Nitro­zel­lu­lo­se­trä­ger haben eine höhe­re Spreng­kraft als Schwarz­pul­ver und fal­len heu­te unter das Bun­des­spreng­stoff­ge­setz. In den 1970er Jah­ren wur­de beschlos­sen (da die Schwei­zer nicht in der Lage waren, die Fil­me sicher zu lagern), die Samm­lung nach Groß­bri­tan­ni­en zu trans­por­tie­ren und beim „Natio­nal Film Archi­ve“ in Lon­don (zu dem das BFI gehört) Sicher­heits­ko­pien anzu­le­gen. Und war­um sind nur knapp zwei Minu­ten statt der damals übli­chen acht oder neun Minu­ten erhal­ten geblie­ben? Eine mög­li­che Lösung könn­te mit dem ita­lie­ni­schen His­to­ri­ker Davi­de Tur­co­ni zu tun haben, der bereits in den 60er Jah­ren ver­such­te, alle Joye-Fil­me zu ret­ten. Als er fest­stell­te, dass dies nicht mög­lich war, ent­schloss er sich zu einer ver­zwei­fel­ten Maß­nah­me: Er schnitt aus den Fil­men ein­zel­ne Stü­cke her­aus, um wenigs­tens die­se Frag­men­te der Nach­welt zu erhal­ten. Am Ende sol­len es 20.000 „Schnip­sel“ gewe­sen sein, zu denen auch der Karls­ru­her Film gehört haben könn­te

Das Spie­le der Spie­le

Nüch­tern betrach­tet traf der Karls­ru­her FV im Halb­fi­na­le um die Deut­sche Meis­ter­schaft am 1. Mai 1910 auf Phö­nix Karls­ru­he, gewann im hei­mi­schen Sta­di­on an der Molt­ke­stra­ße mit 2:1 und zog ins End­spiel ein, wo er Hol­stein Kiel mit 1:0 besieg­te und Deut­scher Meis­ter wur­de. Doch das Match war mehr als das – schon die Film­auf­nah­men bewei­sen das. Es war das Duell der Meis­ter, das Legen­den-Der­by, das Jahr­hun­dert­spiel, das Rekord­match. Zwi­schen 6.000 und 8.000 Zuschau­er sol­len gezählt wor­den sein: „Es war die größ­te Zuschau­er­zahl, die je bei einem Wett­spiel zwi­schen deut­schen Mann­schaf­ten gese­hen wur­de“, ver­mel­de­te die „Illus­trier­te Sport­zei­tung“. Sie schrieb, dass „der End­spiel­geg­ner von Hol­stein Kiel in jedem Fall die Fuß­ball­hoch­burg Karls­ru­he stellt: KFV, der so oft ver­hin­der­te Meis­ter oder Phö­nix, der sich aus der Asche des Außen­sei­ters zum erbit­ter­ten und als Vor­jah­res­meis­ter erfolg­rei­chen Kon­kur­ren­ten erho­ben hat“. Und: „Das Inter­es­se ist außer­ge­wöhn­lich und es stei­ger­te sich noch, weil das Resul­tat ent­schei­den wird, ob der bis­he­ri­ge Meis­ter oder der Meis­ter von Süd­deutsch­land am Ent­schei­dungs­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft teil­nimmt. Man schätzt den KFV und Phö­nix mit Recht als die bei­den bes­ten deut­schen Mann­schaf­ten!“ In „Deutsch­lands Fuß­ball-Meis­ter“ ist zu lesen: „Nur über den gewal­ti­gen Riva­len ging also der Weg des KFV. Der Zusam­men­prall die­ser Karls­ru­her Neben­buh­ler zur Zeit ihrer größ­ten Macht­ent­fal­tung gehört zu den denk­wür­digs­ten Gescheh­nis­sen der Fuß­ball­ge­schich­te. Das erbit­ter­te Rin­gen ende­te mit dem knap­pen 2:1‑Sieg des KFV. Der Deut­sche Meis­ter hat­te wei­chen müs­sen, doch der stol­ze Titel soll­te den­noch in Karls­ru­he blei­ben.“ Josef Mich­ler dich­te­te: „Die­se vor­ent­schei­den­de Begeg­nung mit sei­nem schärfs­ten Wider­sa­cher galt als die in Wirk­lich­keit schwers­te Prü­fung des deut­schen Fuß­ball-Jah­res 1909/10. Ein tief­blau­er Him­mel, so blau wie die Teil­strei­fen auf den Phö­nix-Tri­kots, wölb­te sich über einem der wil­des­ten, zugleich aber fairs­ten Fuß­ball-Wett­kämp­fe, die je statt­fan­den!“ Und leg­te noch eins drauf: „Stolz tra­gen die Anhän­ger ihre Ver­eins­far­ben weit­hin sicht­bar als Stroh­hut­band, schwarz­blau Phö­nix, schwarz­rot der KFV. Es ist eine Riva­li­tät, die die gan­ze Stadt beherrscht – und soll­ten Sohn und Toch­ter zwei­er so gegen­sätz­lich ein­ge­schwo­re­nen Fuß­ball­fa­mi­li­en in heim­li­cher Lie­be ent­bren­nen, so könn­te es wie ein Motiv aus Romeo und Julia anmu­ten.” Bezeich­nend auch, was der „Fuss­ball“ nach der Begeg­nung schrieb: „Der Name Karls­ru­he bedeu­tet ein Pro­gramm im deut­schen Fuß­ball­sport, ihn umgibt der Nim­bus des Voll­ende­ten, Erreich­ten, wenn er in Ver­bin­dung mit den fuß­ball­sport­li­chen Ereig­nis­sen gebracht wird“. 

Die Prot­ago­nis­ten: Der KFV spiel­te mit Dell, Hüb­ner, Hol­stein, Ruzek, Bre­u­nig, Schwar­ze, Tscher­ter, För­de­rer, Fuchs, Trump und Hirsch, Phö­nix mit Dr. Göltz, Karth, Neu­mai­er, Firn­rohr, Bei­er, Heger, Wege­le, Noe, O. Rei­ser, Kas­per, Ober­le. Schieds­rich­ter war Wil­li Rave aus Ham­burg, und da die Par­tie so wich­tig war, wur­den sogar Tor­rich­ter (die öfters und wort­wört­lich „einen auf den Deckel” beka­men) und Lini­en­rich­ter auf­ge­bo­ten (die es offi­zi­ell schon seit 1891 gab). Einer der „Assis­ten­ten“ hieß Gep­pert – ob es aller­dings Karl Gep­pert war, Ex-Phö­nix-Spie­ler und Ehren­vor­sit­zen­der der Schwarz­blau­en, ist unbe­kannt.

Geheim­nis­vol­le Ver­letz­te – und ein Pro­test

KFV-Stür­mer Trump hät­te die Spiel ent­schei­den­de Figur des ins­ge­samt vier­ten Duells der Stadt­ri­va­len im Jahr 1910 (Phö­nix hat­te zuvor zwei Begeg­nun­gen gewon­nen, der KFV eine) wer­den kön­nen – und wur­de es dann doch nicht. Der Kri­mi: Bereits nach 14 Minu­ten muss­te der Angrei­fer ver­letzt vom Feld: „Dem kör­per­lich star­ken Halb­lin­ken Trump pas­sier­te ein Miss­ge­schick, das damals Seh­nen­zer­rung genannt wur­de. Der schuss­ge­wal­ti­ge Mann brach zusam­men und schied gänz­lich aus. Da noch fast 80 Minu­ten zu spie­len waren, kann sich jeder leicht aus­ma­len, was die­se Schwä­chung für den Titel­an­wär­ter aus­mach­te!“, so Mich­ler. Mys­te­riö­ser­wei­se berich­ten ande­re Quel­len, dass auch Phö­nix das Match nicht kom­plett been­det haben soll – Läu­fer Adolf (und wohl nicht Emil) Firn­rohr soll das Opfer gewe­sen sein. Die „Illus­trier­te Sport­zei­tung“ beharr­te auf Ver­si­on eins: „Der KFV war genö­tigt, fast das gan­ze Spiel mit zehn Mann durch­zu­füh­ren, da sein halb­lin­ker Stür­mer nach den ers­ten 15 Minu­ten aus­setz­te, aber auch Phö­nix war geschwächt, da er für sei­nen famo­sen Mit­tel­stür­mer Lei­bold Ersatz ein­stel­len muss­te“. Das Dra­ma um Trump ging noch wei­ter: Nach dem Match leg­te Phö­nix (erfolg­los) Pro­test beim DFB ein – Trump sei nicht spiel­be­rech­tigt gewe­sen.

Ein Schau­spie­ler im Kas­ten, zwei „fal­sche Ein­ser” und ein Zau­ber­tor

Beson­ders für KFV-Tor­wäch­ter Adolf Dell soll­te das Der­by eine ech­te Ner­ven­schlacht geben: Über den sen­si­blen Goa­lie, der nach sei­ner Kar­rie­re als bekann­ter Büh­nen­schau­spie­ler (unter Gus­taf Gründ­gens!), Film- und Fern­seh­star sowie preis­ge­krön­ter Maler im Rhein­land gefei­ert wur­de, ist jeden­falls bekannt, dass er spä­ter im Fina­le vor Auf­re­gung – laut eige­nen Anga­ben – „halb ohn­mäch­tig“ gewor­den ist. Und dass er sich gegen Phö­nix zur Ver­stär­kung zwei Feld­spie­ler mit ins Tor (!) hol­te. Kein Witz: „In der letz­ten so kri­ti­schen Vier­tel­stun­de wur­de die Tor­si­che­rung mit allen Schi­ka­nen wie Men­schen­mau­er, drei Mann im Tor oder Läu­fer­stür­mer vor­ge­nom­men“, berich­te­te Mich­ler in sei­nem Buch „Mit­tel­läu­fer spie­len auf“. Und ergänz­te: „Der KFV hat­te bei einem Straf­stoß Bre­u­nig und Hüb­ner, die­se zwei Rie­sen­ge­stal­ten, neben dem gleich­falls statt­li­chen Dell ins Tor genom­men. In 99 sol­cher Fäl­le lohnt sich eine der­ar­ti­ge Anord­nung!“ Doch in der 67. Minu­te trat der unwahr­schein­li­che 100. Fall ein: Obwohl der KFV das Tor ver­ram­melt hat­te, schoss Phö­nix den Anschluss­tref­fer. Und das kam so: „Wirk­lich ver­sperr­ten auch die drei Hüter fürs ers­te dem ganz ver­we­gen gedreh­ten Ball den Zutritt. Aber, schlecht zu fas­sen wie die tru­deln­de leder­ne Nudel war, kam sie einem Bume­rang gleich noch­mals aufs Tor zurück. Und bevor die im Tor­raum zusam­men­ge­zo­ge­nen übri­gen KFV-Streit­kräf­te oder einer der drei Tor­wäch­ter dem Ball nahe­ka­men, der seit­lich des rech­ten Pfos­tens gegen die Tor­li­nie zuroll­te, schoss ein Blau-Schwar­zer her­an. Es war der röt­lich leuch­ten­de Arthur Bei­er, der, sei­nen Stür­mern vor­aus, vom eige­nen Über­schwang fort­ge­ris­sen, mit einem Bein fast außer­halb des Spiel­fel­des stand. Er hat­te gera­de noch soviel Kraft, zu brem­sen und sich her­um­zu­rei­ßen, schwang das ande­re Bein aus, traf den Ball. Und aus die­ser unmög­li­chen Stel­lung neben dem Pfos­ten ward der Ball auch ins Netz gehakt!“ 

Das Phan­tom-Tor

Vom spek­ta­ku­lä­ren Match fin­det sich in Chro­ni­ken und Zei­tun­gen ein wie­der­keh­ren­des Motiv: Das Bild zeigt das 2:0 für den KFV. Und auch die Bild­un­ter­schrift ist immer die glei­che: „Ein denk­wür­di­ger Augen­blick: K.F.V. hat ein Tor erzielt (Fuchs mit dem Ball im Tor)“. Die Fol­ge war, dass in den meis­ten Abhand­lun­gen über das Spiel bis zum heu­ti­gen Tag Goal­get­ter „Got­ti“ Fuchs als Tor­schüt­ze geführt wird. Die Wahr­heit ist aber: Fuchs hat sicher 1000 Tref­fer erzielt, die­sen aber nicht! Denn tat­säch­lich hat­te Ver­tei­di­ger Hans „Bock“ Ruzek (der laut Mich­ler eine Nase „wie ein rie­si­ger Papa­gei­en­schna­bel“ gehabt haben soll) den armen Dr. Göltz mit einem Weit­schuss (damals ein „lan­ger Schuss“) über­rascht, der im Straf­raum lau­ern­de Fuchs war nur durch­ge­lau­fen – viel­leicht, um auf Num­mer sicher zu gehen oder das Goal hin­ter der Linie gebüh­rend zu fei­ern. Bewei­se für das Distanz­tor gibt es zu genü­ge, auch Augen­zeu­ge Neu­mai­er hat­te in sei­nen Tage­bü­chern berich­tet: „Zu Halb­zeit führ­te KFV durch einen unge­rech­ten Elfer und ein Leicht­sinns­tor von Freund Gölz (Schuss von 20–25 Meter)“. Kurio­ser­wei­se hielt das vie­le Repor­ter nicht davon ab, von „Got­tis“ Traum­tor zu schwär­men: „Im rasen­den Kampf lagen die KFV­ler durch Tor-Ein­lauf Fuchs’ vor­ne. Sein Vor­drin­gen über das hal­be Spiel­feld von ‚Ottl’ Rei­ser an über Karth, Neu­mai­er bis zu Göltz im ewig denk­wür­di­gen Vor­schluss­spiel, die­ses Hin­flie­gen, die­se Ball­be­hand­lung, konn­te ihm nie­mand nach­ma­chen“ – so Josef Mich­ler, dem man aber zugu­te hal­ten muss, dass er sei­ne Zei­len erst 20 Jah­re nach dem Match zu Papier brachte.

Das Bild des Jahr­hun­derts

Das Match war auch aus foto­gra­fi­scher Sicht her­aus­ra­gend: Exis­tier­ten bei „gewöhn­li­chen“ Spie­len der Kai­ser­zeit ent­we­der gar kei­ne Auf­nah­men oder nur Mann­schafts­bil­der, so waren Bil­der der Tore eine abso­lu­te Sen­sa­ti­on. Dass vom Der­by gleich neun Fotos über­lie­fert sind und zwei der drei Tref­fer für die Ewig­keit fest­ge­hal­ten wor­den waren, beweist die Ein­zig­ar­tig­keit der Begeg­nung. Der Ein­druck wird auch dadurch nicht geschmä­lert, dass das 1:0 durch Bre­u­nig ein („unheim­lich schar­fer“) Elf­me­ter war – und sich die Foto­gra­fen also hat­ten vor­be­rei­ten kön­nen.

Über­sichts­bil­der wie die­se, von den Zei­tun­gen ger­ne „Spe­zi­al­auf­nah­men“ genannt, genos­sen damals Sel­ten­heits­wert. Bedan­ken muss­te man sich bei den Klet­ter- und Foto­gra­fier­küns­ten eines Redak­teurs namens Eugen Sey­bold. Der Fuß­ball­fan war bei dem Jahr­hun­dert­spiel auf das Dach der KFV-Tri­bü­ne und des Klub­hau­ses gekra­xelt und hat­te die sen­sa­tio­nel­len Bil­der für die „Illus­trier­te Sport­zei­tung“ geschos­sen. Spä­ter gab er als Ver­le­ger die Sport­zei­tung „Fuss­ball“ her­aus. Weil er dort regel­mä­ßig dafür sorg­te, dass „sei­ne“ Karls­ru­her Mann­schaf­ten nie zu kurz kamen, haben hun­der­te his­to­risch ein­ma­li­ge Auf­nah­men von KFV und Phö­nix über­lebt – und wur­den noch Jah­re nach der Glanz­zeit des Karls­ru­her Fuß­ball­sports stolz abge­druckt. So zeig­te der „Fuss­ball” noch 1922 und 1940 ein Bild, dass sei­nes­glei­chen sucht. Zum ers­ten Mal wur­den auf einem Foto (fast) alle Spie­ler eines Matches abge­lich­tet! „All die bekann­ten Spie­ler in tak­tisch vor­bild­li­cher Kampf­auf­stel­lung“ gab den Jour­na­lis­ten nun die Mög­lich­keit, die Sze­ne einer aus­führ­li­chen Ana­ly­se zu unter­zie­hen. Dass es sich bei dem „packen­den Augen­blick“ und „Doku­ment aus klas­si­scher Fuß­ball­zeit zwei­er Deut­scher Meis­ter“ nur um einen Ein­wurf von Robert Heger han­del­te, war dabei nicht so wich­tig.

Die Legen­de von den zwei Bla­sen

Die auf­se­hen­er­re­gends­te und gleich­zei­tig schöns­te Geschich­te des Spiels ist die so genann­te Legen­de der zwei Bla­sen. Obwohl der KFV vor dem Der­by als Favo­rit galt, konn­te sich die Karls­ru­her Bevöl­ke­rung laut Medi­en­be­rich­ten nicht auf einen Sie­ger fest­le­gen: „Jeder kann gewin­nen, der Ball ist rund!“, so die all­ge­mei­ne Aus­sa­ge. Doch damit hat­ten sich die Fans getäuscht: „Die­ser spe­zi­el­le Ball vom 5. Mai ist nicht rund. Er ent­hält zwei Bla­sen, eine davon auf­ge­pumpt und gleicht so einem Rug­by­ei“, will Fuß­ball­ex­per­te Josef Mich­ler („Ein komi­scher Ball!“) mit Bestimmt­heit wis­sen. Und er kennt die Fol­gen: „Die meis­ten Phö­nix­ler waren furcht­bar erregt und brach­ten mit dem unbe­re­chen­bar, dop­pel­manns­hoch auf­sprin­gen­den Ball ganz ver­dreh­te Schlä­ge her­aus, da sie vor lau­ter Hast das Stop­pen ver­ga­ßen. Ein Nach­teil weni­ger für den KFV-Flach­pass als für Phö­nix’ hohes Flü­gel- und Kopf­ball­spiel. Tat­säch­lich ver­feh­len die gefürch­te­ten Flan­ken der Natio­nal­flü­gel Ober­le und Wege­le ver­hält­nis­mä­ßig häu­fig ihr Ziel!“ Und auch der „Fuss­ball“ berich­tet: „Wege­le, der sonst so exakt flank­te, brach­te den fun­kel­na­gel­neu­en Ball nicht hoch, Karth fabri­zier­te unge­wohn­te Kis­ten, wäh­rend das Town­ley-Sys­tem [„stop­pen, schau­en, zuspie­len“ statt „hart und weit schie­ßen“] unter sol­chen Ball­nau­ben natur­ge­mäß weni­ger litt.“
Über den wei­te­ren Ver­lauf des Skan­dals gibt es zwei Fas­sun­gen: Mich­ler schreibt, dass das Publi­kum und die Phö­nix-Spie­ler „stür­misch, laut und anhal­tend Ersatz“ for­der­ten – und beka­men. Aber auch die­ses Spiel­ge­rät hät­te geei­ert: „Es kam ein zwei­ter Ball, um nichts nor­ma­ler!“, berich­tet auch die Phö­nix-Chro­nik. Im „Fuss­ball“ wird erzählt, dass der Schieds­rich­ter den Ball einer Prü­fung unter­zog, für gut befand und mit dem alten Spiel­ge­rät wei­ter­ma­chen ließ. Und obwohl das Ei „bis zum Ende“ bzw. „bis zum Abpfiff“ im Ein­satz gewe­sen sein soll, kann damit eigent­lich nur die ers­te Halb­zeit gemeint gewe­sen sein. Die Phö­nix-Ver­ant­wort­li­chen gaben dem Ei gar die Schuld für den Tref­fer zum 2:0: „Das zwei­te Tor war direkt belus­ti­gend, wäre nicht so viel auf dem Spiel gestan­den. Ein schwa­cher Schuss, ein harm­lo­ser Rol­ler. Im Augen­blick, wo Göltz ihn auf­neh­men will, schlägt der schalk­haf­te Ball einen Haken und setzt sei­nen Weg unge­fähr­det in die rech­te unte­re Ecke fort!“ Wahr ist jeden­falls, dass die Phö­nix-Anhän­ger KFV-Trai­ner Town­ley aufs Korn nah­men: „Eng­li­sche List und Tücke!“, pro­tes­tier­ten sie. Zudem mach­te sich ein schwarz­ro­ter Kicker ver­däch­tig: Der erfah­re­ne Hans Ruzek, „ein noto­risch trick­rei­cher Spie­ler“, schnapp­te sich nach dem Spiel „in gro­ßer Eile“ den Ball und brach­te ihn unter dem Arm ins Club­haus – und ent­zog ihn so einer spä­te­ren Kon­trol­le. Bezeich­nend ist viel­leicht auch, dass KFV-Star Tscher­ter den Absatz über den getürk­ten Ball in sei­ner eige­nen Zei­tungs­aus­ga­be zwar extra rot ange­stri­chen, aber kei­ne Wider­wor­te o.ä. an den Rand notiert hat­te.
Und wäh­rend die Phö­nix-Chro­nik den Betrug offen ansprach („Heu­te wis­sen wir, dass in dem in die­sem Spiel ver­wen­de­ten Ball eine zwei­te Gum­mi­bla­se war und er dadurch exzen­trisch und viel zu schwer gemacht wur­de“) baut die KFV-Chro­nik auf aus­glei­chen­de Gerech­tig­keit: „Mag die­se Behaup­tung stim­men oder nicht, es wird wohl – wie das gefälsch­te Tele­gramm – ein ewig unlös­ba­res Rät­sel blei­ben“.

Erreg­te Spie­ler, „Ner­ven-Erschüt­te­run­gen“ – und ein Thron­wech­sel

Der Rest vom Spiel ist schnell erzählt. Die Repor­ter erkann­ten eine „begreif­li­che Erre­gung der Spie­ler“, ein „ver­rückt auf­re­gen­des und auf­ge­reg­tes Match“, „eine Men­ge Ein­zel­hei­ten, die guter eng­li­scher Ama­teur­klas­se gleich­ge­stellt wer­den kön­nen“ sowie einen KFV, der „vor der Pau­se durch gera­de­zu wun­der­ba­re Leis­tun­gen sei­nem Geg­ner sehr hart zusetz­te“, ein „halb­stün­di­ges Bom­bar­de­ment“ abfeu­er­te und dass dies, zusam­men mit der „her­vor­ra­gen­den Ver­tei­di­gung des Phö­nix“, zu einem „glanz­vol­len Fuß­ball­wett­kampf“ führ­te, der „oft durch den begeis­tern­den Bei­fall des Publi­kums unter­bro­chen wur­de.“ Nach Abklin­gen der durch den getürk­ten Ball ver­ur­sach­ten „Ner­ven-Erschüt­te­rung“ und „Panik“ der Phö­nix-Spie­ler „gelang ihnen, die sonst so blen­den­de Kom­bi­na­ti­on des Geg­ners zu zer­stö­ren und mit der ihnen eige­nen Pfeil­ge­schwin­dig­keit dem ande­ren Tor ent­ge­gen­zu­stre­ben!“ Der KFV geriet ins Schwim­men: „Wenn ande­re Mann­schaf­ten vor Bedräng­nis und deren Abwehr Schweiß­strö­me ver­gos­sen, dann hat KFV hier Blut geschwitzt. Doch ver­lie­ßen ihn selbst dann die Kräf­te und die ruhi­ge Selbst­be­herr­schung nicht, als Phö­nix durch ‚Vater’ Bei­er sei­nen Tor­vor­sprung kürz­te.“
Der „Thron­wech­sel unter den Karls­ru­her Meis­tern“ (Mich­ler) rück­te näher – und wur­de zum „heroi­schen Kampf von zehn KFV-Spie­lern“ (KFV-Chro­nik). „Phö­nix griff wohl zum Schluss noch an, als kämen Mee­res­wo­gen daher. Allein För­de­rer ver­tei­dig­te als soge­nann­ter flie­gen­der Läu­fer und schlug mit einer Vehe­menz die Bäl­le zurück, dass sich nur noch die Arbeit Hol­steins damit ver­glei­chen ließ, wenn er, in der Luft ste­hend oder lie­gend, drei Angrei­fer mit­zu­tra­gen hat­te und doch die Bäl­le weg­brach­te. Tscher­ter [der die Kunst des „Umschwei­fens“, also den Ball am Geg­ner vor­bei­le­gen, per­fek­tio­niert haben soll] und Fuchs schaff­ten durch Ein­zel­läu­fe über drei­vier­tel der Spiel­feld­län­ge vor­über­ge­hend Luft. Trotz­dem war der Schluss­pfiff eine Erlö­sung für den KFV!“, liest man im „End­spiel-Fie­ber“. Und auch Neu­mai­er muss­te in sei­nem Tage­buch aner­ken­nen: „Nach Halb­zeit hat­ten wir das Spiel ganz in der Hand, konn­ten jedoch gegen zu fes­te Mau­ern des KFV nicht gleich­zie­hen.“ Als der KFV spä­ter Meis­ter wird, ist die Riva­li­tät schon fast ver­ges­sen: „Ein ethi­scher Höhe­punkt war, als unter den ers­ten Tele­gram­men noch am Abend ein Glück­wunsch des Alt­meis­ters und Lokal­ri­va­len ‚FC Phö­nix’ ein­lief“, freu­te sich die KFV-Chronik.


Zeit­zeu­gen­be­richt — Nach­spiel des Halb­fi­na­les 1910 — Flucht auf dem Fahr­rad: Bre­u­nig und Hirsch in Not

(aus der Badi­schen Pres­se vom 8.1.1928, No. 13)
Soeben hat­te an einem wun­der­schö­nen ers­ten Mai­tag 1910 der K.F.V. sei­nen eben­bür­ti­gen Riva­len Phö­nix im schwe­ren Kampf des Zwi­schen­run­den­spiels um die Deut­sche Meis­ter­schaft besiegt. Er, der weni­ger hart Getrof­fe­ne, von zwei Unglück­li­chen, wur­de zum Ven­til, durch wel­ches sich die Ent­täu­schung der in ihrer Über­zahl phö­nix­ge­treu­en Zuschau­er Luft mach­te. Der Abstrom der Enthu­si­as­ten bil­de­te Wir­bel. Am Eck der Tele­gra­phen­ka­ser­ne stau­te er sich und glich einem grol­len­den Was­ser­be­cken, das jeden Augen­blick sei­ne Mas­sen über zwei arme Rad­fah­rer schüt­ten konn­te: Max Bre­u­nig und Juli­us Hirsch.
Das Mur­ren der Fan­an­ti­ker ging in Schmä­hun­gen über: „Da kom­met se, de Mau­rer!“ Ganz fre­che höhn­ten: „Mau­rer­bu­we!“ Ande­re mar­kier­ten mora­li­sche Ent­rüs­tung: „Soll­tet euch schä­me! Hätt‘ leicht no‘ ein paar Mann aus­lei­hen müs­sen, für Euer Tor zu ver­kleis­tern!“ Ganz rabia­te war­fen ernst­lich die Fra­ge auf, ob sie den Rad­fah­rern, die noch nicht auf­ge­ses­sen waren, über­haupt einen Abgang, zum min­des­ten aber einen bößen gön­nen soll­ten. Eine Men­schen­ket­te zog sich über die zum all­zeit stau­bi­gen Exer­zier­platz füh­ren­de Stra­ße. Der gro­ße, pech­haa­ri­ge, ewig gelb gesich­ti­ge Max beweg­te nicht im Gerings­ten die Lip­pe. Er schwang sich see­len­ru­hig auf sein gar nicht gepfleg­tes Rad trat dann gemüt­lich die Peda­le, und erst als der Ren­ner sich quiet­schend fort­be­weg­te, dreh­te er sich um, pfiff sei­nem Jul­ler und rief ihm lachend zu: „Schau nur, daß du nach­kommst Jul­ler, gleich leg‘ ich e‘ mäch­ti­ges Tem­po vor! Die erbos­ten Phö­nix­an­hän­ger hat­ten schon längst ihre Hän­de gelößt, stau­nend bil­de­ten sie das Spa­lier für die bei­den K.F.V.-ler die sich auf ihren äch­zen­den „Ren­nern“ im Zuckel­trab fort­be­weg­ten und mit kei­nem Gedan­ken der Meu­te ach­te­ten, die sich damit begnüg­te, ihnen nur ein paar knur­ren­de Leu­te nach­zu­schi­cken. Lang­sam ent­schwan­den bei­den den Bli­cken der Gebän­dig­ten. Zuletzt war nur mehr Hir­schens gro­ßer Kapu­zen­man­tel zu sehen, der im Ran­de des Exer­zier­plat­zes und vor dem Mailüft­chen wie der Bur­nus eines Ara­bers flatterte.

Aus Lon­don: Der Pro­jek­tor mit der ers­ten Ein­stel­lung des Films – und die berühm­te Film­rol­le, Quel­le: Archiv Staisch.
Das berühm­te Phan­tom-Tor von Gott­fried Fuchs (hin­ter der Linie). Phö­nix-Goa­lie Dr. Göltz ist zum zwei­ten Mal geschlagen.
Packen­de Sze­ne aus dem Der­by – „Got­ti“ Fuchs und „Jul­ler“ Hirsch (v.li.) war­ten auf einen Eck­ball vor dem Phö­nix-Tor. Die Schwarz­blau­en Karth, Firn­rohr, Bei­er, Dr. Göltz und Neu­mai­er (v.li.) sind zur Abwehr bereit, Quel­le: Archiv Staisch.
Die berühm­te „Spe­zi­al­auf­nah­me“ mit den KFV-Läu­fern 1) Ruzek, 2) Bre­u­nig 3) Schwar­ze, mit dem KFV-Sturm: 4) Tscher­ter 5) För­de­rer 6) Fuchs 7) Trump 8) Hirsch, dem Phö­nix-Sturm: 9) Wege­le 10) Noe 11) O. Rei­ser 12) Kas­per 13) Ober­le 14) Lin­nen­rich­ter Gep­pert, den Phö­nix-Läu­fern 15) Bei­er 16) Schieds­rich­ter Rave und 17) Heger.
Schwarze Karlsruher FV 1910
Fal­scher Flie­gen­fän­ger: Kein Tor von Arthur Bei­er (3.v.re.), aber eine „kri­ti­sche Situa­ti­on“ vor dem KFV-Kas­ten – einen Schuss von Wil­helm Noe (g.li.) köpft „Ersatz­tor­hü­ter“ Max Bre­u­nig (g.re.) von der Linie; Ruz­eck, Tscher­ter, Hüb­ner (v.li., alle KFV) und Karth (2.v.re.) schau­en zu (Archiv Staisch).

Fina­le — 15. Mai 1910, Köln: Der größ­te Tag!

Die Par­tie begann an die­sem hei­ßen Pfingst­sonn­tag tur­bu­lent. In der ers­ten Halb­zeit lenk­te ein Kie­ler Ver­tei­di­ger regel­wid­rig einen Ball mit der Hand ab, was Schieds­rich­ter Grä­fe aber nicht sah. Es wäre ein siche­res Tor gewe­sen. Der kräf­ti­ge Fried­rich Wer­ner von Hol­stein rann­te schließ­lich einen KFV-Spie­ler um: Straf­stoß! Der Elf­me­ter­spe­zia­list Bre­u­nig trat an: „Aber auch der stärks­te Straf­stoß­schüt­ze kann sich mal in der Höhe des Tores ver­se­hen: Bre­u­nig trat den Ball über die Lat­te, daß das Pro­jek­til erst 50 m wei­ter hin­ten zu Boden kam!“ Kurz vor der Halb­zeit geriet auch der KFV-Kee­per Dell in grö­ße­re Bedräng­nis, hielt jedoch das Unent­schie­den fest. 0:0 zur Pau­se. „Das Cöl­ner Publi­kum schien sich in zwei Hälf­ten geteilt zu haben: hie Hol­stein — hie Karls­ru­he“ (Neue Sport­wo­che). In der 2. Halb­zeit gewann der KFV zuse­hends Spiel­an­tei­le: „Fort­set­zung des Mono­logs, den die Bade­ner den Water­kant­lern hiel­ten“. Die Eck­ball-Bilanz nach Abpfiff des Spiels lau­te­te 12 zu 2 für den KFV! Gott­fried Fuchs „wand­te sich schlan­gen­gleich durch die gesam­te Deckung und Wehr, schoß aber vor­bei“. In der 87. Minu­te ver­gab Fuchs erneut eine „Hun­dert­pro­zen­ti­ge“. Nach 90. Minu­ten kam es zum Novum in der Geschich­te der deut­schen Fuß­ball­meis­ter­schaft: Es war das ers­te End­spiel das in Ver­län­ge­rung gehen muss­te. Dass es über­haupt so weit kam, lag auch an dem Kie­ler Tor­hü­ter Adolf Wer­ner, der ein über­ra­gen­des Spiel mach­te. In der 114. Spiel­mi­nu­te dann der magi­sche Moment: „9 Minu­ten des zwei­ten Stun­den­vier­tels waren bereits ver­flos­sen, als ein schril­ler Pfiff das Leben auf dem Spiel­feld eini­ge Momen­te erstar­ren ließ. Was war los? Die Erklä­rung ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Karls­ru­hes Links­in­nen (Hirsch) war nach Auf­fas­sung des Unpar­tei­ischen regel­wid­rig gestoppt wor­den.“ Auch die­ses Mal schnapp­te sich Bre­u­nig den Ball, der – wohl auf­grund der Ner­vö­si­tät – aber­ma­lig nur schlecht geschos­sen wur­de. Der Ball „saus­te auf den Geg­ner zu, schon hat­te die­ser die Leder­ku­gel gefaßt – Chan­ce wie­der dahin? Doch eher als gefragt kam die Ant­wort! Von der unge­heu­ren Wucht des Schla­ges wur­den Arm und Hand Frie­ses mit­fort­ge­ris­sen. […] Es lang­te auch schon, daß sie ein Stück­lein mit­flo­gen und erst hin­ter der Tor­li­nie durch eine gro­ße Wil­lens- und Mus­kel­an­stren­gung ihres Besit­zers in die­ser Rück­wärts­be­we­gung gehemmt wer­den konn­ten. Aber die Hand war glück­lich ver­staucht und der Ball glück­lich oder unglück­lich – je nach­dem – im Tor“. Der Jubel kann­te nach Abpfiff der 120 Minu­ten kein Hal­ten mehr: Der KFV war deut­scher Fußballmeister!

Obe­re Rei­he: Hüber, Hirsch, Ruzek, Bre­u­nig, Schwar­ze, Dell; Unte­re Rei­he: Hol­lstein, Fuchs, För­de­rer, Tscher­ter, Bosch, Town­ley (Trai­ner). Quel­le: KFV.
Dan­kes­an­zei­ge des KFV und die Sie­ges­tro­phäe „Vik­to­ria“. Quel­le: Tho­mas Staisch. 

Das Fest ging am Fol­ge­tag im Mann­schafts­ho­tel des KFV wei­ter (Badi­sche Pres­se, 20.06.1942, No. 142): „Stan­dard­quar­tier der Karls­ru­her war sei­ner­zeit in Köln das Hotel „Kai­ser Wil­helm“. […] Am Mon­tag nach dem Spiel, nach dem Fest­som­mers, war am Früh­stücks­tisch die reins­te Faschings­stim­mung. Einer kam auf den aus­ge­fal­le­nen Gedan­ken, eines von den appe­tit­li­chen But­ter-Röll­chen nach der Decke zu wer­fen. Es blieb oben hän­gen. Das böse Wett­spiel mach­te Schu­le, sofort war ein rich­ti­ges Bom­bar­de­ment im Gang. Alles warf But­ter-Röll­chen, ohne an Scha­den und Unge­hö­rig­keit zu den­ken, aus lau­ter Über­mut. Und als die lus­ti­ge Koro­na abzog, war die Decke reich­lich mit But­ter-Zäpf­chen behan­gen. Es sah fast aus wie in einer Tropf­stein­höh­le. Nun erzählt Ernst Hol­lstein, einer von den dama­li­gen, daß er 1917 als Sol­dat ein­mal in Köln durch­reis­te und ein­ge­denk schö­ne­rer Zei­ten wie­der im „Kai­ser Wil­helm“ abstieg. „Ich nahm mein Früh­stück im sel­ben Raum, in dem wir damals als neu­ge­ba­cke­ne deut­sche Fuß­ball­meis­ter saßen und sah mich in seli­ger Erin­ne­rung in den vier Wän­den um … waren da an der Decke tat­säch­lich noch Fett­fle­cken zu sehen – die Spu­ren unse­rer But­ter-Röll­chen vom Pfingst­mon­tag 1910 …“ 

End­spiel um die deut­sche Meis­ter­schaft 1910, 15. Mai 1910:
KFV – FV Hol­stein Kiel 1:0 n.V.

KFV : Adolf Dell – Carl Hüb­ner, Ernst Hol­lstein – Hans Ruzek, Max Bre­u­nig, Max Schwar­ze – Fritz Tscher­ter, Fritz För­de­rer, Gott­fried Fuchs, Juli­us Hirsch, Her­mann Bosch
Wei­den­pe­scher Park, Köln. Zuschau­er: 5.000, Schieds­rich­ter: Max Gra­fe (Leip­zig)
Tore: 1:0 Bre­u­nig (114., Elfmeter)

Ste­hend von links: Hüber, Bur­ger, Tscher­ter, Ruzek, Bre­u­nig, Hol­lstein, Bosch, Gros. Sit­zend von links: För­de­rer, Schwar­ze, Hirsch, Fuchs, Käche­le. Quel­le: KFV. 
Der gut erhaltene Meisterschaftswimpel des KFV aus dem Jahre 1910 kann heute im Stadtmuseum im Prinz Max Palais angesehen swerden. Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe.
Der gut erhal­te­ne Meis­ter­schafts­wim­pel des KFV aus dem Jah­re 1910 kann heu­te im Stadt­mu­se­um im Prinz Max Palais ange­se­hen swer­den. Quel­le: Stadt­ar­chiv Karlsruhe. 
Telegramm zur deutschen Meisterschaft 1910. Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe.
Tele­gramm zur deut­schen Meis­ter­schaft 1910. Quel­le: Stadt­ar­chiv Karlsruhe. 
Abbildung: Bis heute verewigt auf der Meisterschale! Quelle: KFV.
Bis heu­te ver­ewigt auf der Meis­ter­scha­le! Quel­le: KFV. 

Vize­meis­ter 1912

26. Mai 1912, Ham­burg: Hol­lstein gegen Hol­stein
Aus allen nord­deut­schen Städ­ten kamen am Pfingst­mon­tag 1912 Zuschau­er nach Ham­burg, um das Spek­ta­kel zwi­schen Hol­stein Kiel und dem KFV mit­zu­ver­fol­gen. 9000 Zuschauer! 

Die Karls­ru­her berei­te­ten sich auf die­ses Fina­le so gut vor, wie noch nie. Für drei Tage ver­pflich­te­te der KFV erneut Meis­ter­trai­ner Wil­liam Town­ley (inzwi­schen Trai­ner in Fürth). Am Vor­abend lagen die Karls­ru­her Spie­ler bereits um neun Uhr in ihren Hotel­bet­ten. Doch ein „Han­di­cap bedrückt sie: Fuchs […] ist ver­letzt. Mann­schafts­ka­pi­tän Fritz Tscher­ter erklärt: Du kannst nicht spie­len. Fuchs: Ich will aber spie­len.“ Die Knie­ver­let­zung zog sich Fuchs beim vor­he­ri­gen Meis­ter­spiel zu. Town­ley ent­schei­det dar­auf, Fuchs eine Gips­ban­da­ge zu ver­ab­rei­chen und ihn auf­zu­stel­len.
Match­day, 26. Mai: Wie so oft in der Geschich­te des Fuß­balls, ent­täusch­te auch die­ses hoch­ge­han­del­te Fina­le die Zuschau­er: „War das Aeu­ße­re ange­tan, etwas ganz beson­de­res erwar­ten zu dür­fen, so war man lei­der von dem Kamp­fe selbst ent­täuscht“. Die Kie­ler gewan­nen letzt­lich ver­dient die Meis­ter­schaft, weil sie ganz gewiss bes­ser und gefähr­li­cher auf­tra­ten. Der KFV zeig­te sei­ne tech­ni­sche Über­le­gen­heit, blieb aber völ­lig unter sei­ner Form. „Nur der eiser­ne Ver­tei­di­ger Ernst Hol­lstein zeig­te gro­ße Klas­se“. Aber der Rei­he nach:
Nach Anpfiff des Finals spielt der KFV zunächst „gegen Son­ne und Wind und wird etwas zurück­ge­drängt“, aber die KFV­ler Hol­lstein und Bur­ger hal­ten hin­ten zuu­nächst alles sau­ber. Eini­ge Male wird Kiel gefähr­lich, doch bis zur Halb­zeit möch­ten auf bei­den Sei­ten kei­ne Tore fal­len. In der Halb­zeit schnei­det Town­ley die Gips­ban­da­ge von Fuchs auf. Zu sehr behin­dert sie den Top­stür­mer der weit unter sei­ner Form agiert. In der zwei­ten Hälf­te spielt der KFV nun mit dem Wind im Rücken und wird von den Zuschau­ern bereits als der siche­re Gewin­ner gehan­delt. Hirsch arbei­tet sich eini­ge Mal nach vor­ne, blieb aber ohne Erfolg. Die Nord­deut­schen strah­len durch ihr star­kes Spiel auf den Flü­geln ver­gleichs­wei­se eine grö­ße­re Tor­ge­fähr­lich­keit aus. Als Fick II im Karls­ru­her Straf­raum unfair vom Karls­ru­her Hüb­ner zu Boden gewor­fen wird, gibt Schieds­rich­ter Schrö­der einen Elf­me­ter für die Nord­deut­schen. Es herrscht Unru­he bei den Nord­deut­schen. Der Kie­ler Kee­per Wer­ner erin­ner­te sich noch lan­ge Zeit nach dem Fina­le an die Anspan­nung vor dem Elf­me­ter: „Wie der Mann [Anmer­kung d. Red.: der Schieds­rich­ter] die elf Meter abschrei­tet! Pedan­tisch genau, Haken auf Haken. Wie er noch um eine Spann­wei­te kor­ri­giert, wie er den Ball nie­der­legt, schreck­lich!“ Der Kie­ler Natio­nal­stür­mer Möl­ler ver­wan­delt mit einem schar­fen Schuss in die lin­ke Ecke. 1:0 für Kiel! Auf Sei­ten des KFV ent­täusch­te ins­be­son­de­re der berühm­te, inter­na­tio­na­le Innen­sturm. Nur sel­ten zeig­te der KFV das „viel­ge­rühm­te blitz­schnel­le Durch­pas­sen mit anschlie­ßen­den Schuß“. „Die Haupt­schuld an dem Ver­sa­gen ist För­de­rer zu geben, denn die­ser fun­gier­te im gan­zen Spiel als über­zäh­li­ger Läu­fer, und stand häu­fig noch hin­ter Bre­u­nig“. Als er nach vor­ne auf­rück­te, stan­den die Nord­deut­schen bereits hin­ten und deck­ten. Nach dem Rück­stand ver­sucht der KFV ner­vös aus­zu­glei­chen. För­de­rer „geht in Mit­te, bald dar­auf halb­rechts und spielt wie­der als vier­ter Läu­fer“. Ein wenig unsor­tiert und behä­big wirk­ten die KFV-Angrif­fe. Gott­fried Fuchs „ist selt­sam bewe­gungs­los“. Ein Redak­teur schreibt nach dem Spiel etwas bos­haft über Fuchs: Er „erin­ner­te mich leb­haft an jenen eng­li­schen Inter­na­tio­na­len, von dem eine Zei­tung schrieb, ein Zuschau­er habe sich wegen der Zah­lung des Ein­tritts­gel­des beschwert, weil die­ser Inter­na­tio­na­le das Spiel viel bes­ser sich habe anse­hen kön­nen, obwohl er dafür nicht bezahlt habe. Auch Fuchs hat das Spiel, wenn auch nicht bes­ser, so doch aus nächs­ter Ent­fer­nung gese­hen; er war Statist.“ 

Der Sieg­tor­schüt­ze von 1910, Max Bre­u­nig, zeig­te eine durch­schnitt­li­che Leis­tung. Man hat­te sich mehr erhofft. Bosch dage­gen spiel­te gut, Hol­lstein war der ver­mut­lich bes­te KFV-Mann auf dem Platz und ver­hin­der­te zusam­men mit dem eben­falls über­zeu­gen­den Tor­wart Bur­ger noch wei­te­re Gegen­to­re. Kiel gewann nach dem Füh­rungs­tref­fer an Selbst­ver­trau­en. Mit den Zuschau­ern im Rücken stür­men sie wei­ter an, aber Ernst „Hol­lstein zer­stört alles“. Am Ende gewinnt Kiel gegen den Favo­ri­ten KFV und wird zum ers­ten Mal deut­scher Fuß­ball­meis­ter!

End­spiel um die deut­sche Meis­ter­schaft 1912, 26. Mai 1912:
FV Hol­stein Kiel – KFV 1:0 (0:0)
KFV:
Franz Bur­ger, Carl Hüb­ner, Ernst Hol­lstein, Wil­helm Gros, Max Bre­u­nig, Her­mann Bosch – Fritz Tscher­ter, Fritz För­de­rer, Gott­fried Fuchs, Juli­us Hirsch, Her­mann Käche­le
Vic­to­ria-Platz, Ham­burg-Hohe­luft, Zuschau­er: 9.000, Schieds­rich­ter: Paul Schrö­der (Mün­chen-Glad­bach)
Tore: 1:0 Möl­ler (52., Elfmeter)

Ein seltenes Foto: Die Anlage des SC Viktoria Hamburg (damals der größte norddeutsche Verein) während (!) des Endspiels zwischen dem KFV und Kiel. Neben der Tribüne erlaubten Erderhöhungen auf den übrigen Seiten des Spielfeldes dem Zuschauer eine freie Sicht auf das Spiel. Quelle: Thomas Staisch.
Ein sel­te­nes Foto: Die Anla­ge des SC Vik­to­ria Ham­burg (damals der größ­te nord­deut­sche Ver­ein) wäh­rend (!) des End­spiels zwi­schen dem KFV und Kiel. Neben der Tri­bü­ne erlaub­ten Erd­er­hö­hun­gen auf den übri­gen Sei­ten des Spiel­fel­des dem Zuschau­er eine freie Sicht auf das Spiel. Quel­le: Tho­mas Staisch.
Spiel­sze­ne aus dem Fina­le von 1912
Hirsch (rechts vorne) versucht zusammen mit Fuchs (links) die Kieler Abwehr zu knacken. Quelle: Thomas Staisch.
Hirsch (rechts vor­ne) ver­sucht zusam­men mit Fuchs (links) die Kie­ler Abwehr zu kna­cken. Quel­le: Tho­mas Staisch.
Aus der Wettspielchronik von KFV-Spieler Hans Ruzek. Quelle: KFV-Archiv.
Aus der Wett­spiel­chro­nik von KFV-Spie­ler Hans Ruzek. Quel­le: KFV-Archiv.
Wettspiel-Programm. Quelle: KFV.
Wett­spiel-Pro­gramm­von einem Spiel gegen Kiel ein Jahr vor dem Auf­ein­an­der­tref­fen im Meis­ter­schafts­fi­na­le. Schon damals ein Publi­kums­ma­gnet. Quel­le: KFV.
1913
1911
1912
1914

Sport­li­cher Abstieg und 1. Weltkrieg

Nach der Süd­deut­schen Meis­ter­schaft 1912 zeig­te die Leis­tungs­kur­ve des KFV dann aber deut­lich nach unten. Mit Juli­us Hirsch ver­ließ einer der bes­ten Stür­mer den Ver­ein, er folg­te dem Trai­ner Town­ley nach Fürth, wo er mit der dor­ti­gen Spiel­ver­ei­ni­gung 1913 noch ein­mal Deut­scher Meis­ter wur­de. Der Kapi­tän und Mit­tel­läu­fer Max Bre­u­nig wech­sel­te zum FC Pforz­heim und der lin­ke Ver­tei­di­ger Ernst Hol­lstein been­de­te wegen sei­nes Stu­di­ums die akti­ve Lauf­bahn. Zudem brach sich Fritz För­de­rer 1913 das Bein und fiel lan­ge Zeit aus.
1914 trat das nicht für mög­lich gehal­te­ne dann ein: der KFV muss­te nach der Nie­der­la­ge gegen den Lokal­ri­va­len FC Phö­nix am 22. März 1914 den bit­te­ren Weg des Abstiegs gehen. Die seit 1911 in Mün­chen erschei­nen­de Fach­zeit­schrift „Fuß­ball“ wid­me­te dem KFV einen „Nach­ruf“: „Der KFV ist der popu­lärs­te Fuß­ball­ver­ein inner­halb Deutsch­lands gewe­sen, sei­ne Geschich­te ist eng ver­wach­sen mit dem Wer­de­gang des deut­schen Fuß­ball­sports; für unse­re Bewe­gung bedeu­tet der Name KFV ein Pro­gramm. Die spie­le­ri­schen Erfol­ge des KFV sind ohne Bei­spiel. Höhe­punk­te des deut­schen Fuß­ball­sports sind mit der Fähig­keit die­ses Ver­eins ver­bun­den.“ Doch die Ret­tung nah­te. Der süd­deut­sche Ver­bands­tag in Nürn­berg beschloss mit allen Stim­men der dort ver­tre­te­nen Ver­ei­ne, durch eine Ände­rung des Spiel­sys­tems den Ver­bleib des KFV in der höchs­ten Spielklasse.

Die Auf­recht­erhal­tung des Spiel­be­triebs gelang wäh­rend des 1. Welt­kriegs infol­ge der zahl­rei­chen Ein­be­ru­fun­gen nur unter erschwer­ten Bedin­gun­gen. Eini­ge Spie­ler der Final­mann­schaf­ten von 1905, 1910 und 1912 fie­len wäh­rend des 1. Welt­krie­ges, so wie der rech­te Läu­fer Hans Ruzek (08. Novem­ber 1914), der Ver­tei­di­ger Kurt Hüber (17. August 1915), der Links­au­ßen Her­mann Bosch (16. Juli 1916) und der rech­te Läu­fer Wil­helm Gros (22.08.1917). Auch der jun­ge Ver­wal­tungs­ak­tu­ar (Beam­ter) Her­mann Käche­le (geb. 24. Mai 1890 in Karls­ru­he), der 1912 Vize­meis­ter wur­de und ein hoff­nungs­vol­les Sturm­ta­lent der Karls­ru­her war, fiel bereits am Vor­mit­tag des 13. August 1914 im elsäs­si­schen Brü­ckens­wei­ler (Bré­chau­mont) zwi­schen Bel­fort und Mühl­hau­sen als Unter­of­fi­zier der Reser­ve der 4. Kom­pa­nie (heu­te ruht er in Block 7 Grab 507 in der Kriegs­grä­ber­stät­te in Cer­nay, Frank­reich) – zehn Tage nach der deut­schen Kriegs­er­klä­rung an Frank­reich. Der auf dem Platz stets in schwarz geklei­de­te Franz Bur­ger (geb. 1893; auf­grund sei­ner schmäch­ti­gen Gestalt meist nur „das Bur­ger­le“ genannt), eben­falls Vize­meis­ter von 1912, trug eine schwe­re Augen­ver­let­zung mit nach Hau­se, so dass er nicht mehr spie­len konn­te. In sei­nen letz­ten Tagen vor sei­nem Tod im Novem­ber 1940 war er gar voll­kom­men blind. 

Wettspiel-Programm. Quelle: KFV.
Am 7. Juni 1914 war der KFV noch als Gast bei der Platz­ein­wei­hung in Reut­lin­gen gefragt
Fuß­bal­ler an der Front (1916)

EXKURS: Der Kron­prin­zen­po­kal – Deutsch­lands ers­ter natio­na­ler Pokalwettbewerb

Die Gra­vur des Sil­ber­po­kals sag­te schon alles: „Sei­ne Kai­ser­li­che und König­li­che Hoheit Wil­helm, Kron­prinz des Deut­schen Rei­ches und von Preu­ßen stif­te­te im Jah­re 1908 die­sen Pokal als Wan­der­preis für Fuß­ball-Wett­spie­le zwi­schen den reprä­sen­ta­ti­ven Mann­schaf­ten der Lan­des­ver­bän­de des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des“ (der ers­te deutsch­land­wei­te Wan­der­po­kal des Fuß­balls). Die Teil­neh­mer des Pokals waren nicht wie im heu­ti­gen DFB-Pokal Ver­eins­mann­schaf­ten, son­dern reprä­sen­ta­ti­ve Aus­wahl­mann­schaf­ten der Lan­des­ver­bän­de (z.B. Nord­deutsch­land, West­deutsch­land). Der Wett­be­werb mit dem klang­vol­len Namen wur­de zwi­schen 1909 und 1918 acht­mal mit einem End­spiel in Ber­lin aus­ge­spielt. Die Tra­di­ti­on, dass Fina­le in Ber­lin aus­zu­spie­len („Ber­lin, Ber­lin, wir fah­ren nach Ber­lin“) hat bis heu­te über­lebt! Nach der Mon­ar­chie wur­de er 1919 in Bun­des­po­kal umbe­nannt und durch­lief bis heu­te eine Rei­he von For­mat­än­de­run­gen (Reichs­bund­po­kal und schließ­lich Län­der­po­kal der Ama­teu­re). 1910, 1912 und 1914 ging der Titel an die Aus­wahl des Ver­ban­des Süd­deut­scher Fuß­ball-Ver­ei­ne – unter wesent­li­cher Betei­li­gung der KFV-Spie­ler. Da der KFV sowie der FC Phö­nix zu den füh­ren­den Ver­ei­nen im Süden gehör­ten, stell­ten die bei­den Klubs kon­se­quen­ter­wei­se auch einen Groß­teil der Spieler.

Durch das Enga­ge­ment des Kron­prin­zen, der in Eng­land mit dem Fuß­ball in Berüh­rung kam und die Schirm­herr­schaft des Pokals über­nahm, erfuhr der noch jun­ge Fuß­ball­sport eine gesell­schaft­li­che Auf­wer­tung, ganz ähn­lich wie in Baden, wo ein ande­rer Aris­to­krat, Prinz Max von Baden, Pro­tek­tor des KFV wur­de. Der Pokal wur­de zuneh­mend popu­lär in der Bevöl­ke­rung, die Medi­a­li­sie­rung des Sports (Bericht­erstat­tung, Grün­dung von Fuß­ball­zeit­schrif­ten) sowie die Öko­no­mi­sie­rung von Sei­ten des Ver­ban­des (Umzäu­nung von Spiel­fel­dern und Ein­tritts­gel­der) wur­den wei­ter aus­ge­baut.
Das End­spiel der vier­ten Auf­la­ge des Pokals ist in die KFV-Anna­len ein­ge­gan­gen: „Da ist vor allem der Platz (Uni­on) zu rügen, auf dem trotz der Unmen­ge von Säge­mehl die Spie­ler bis zum Knö­chel ein­san­ken. Dann reich­te der Raum für die über 6000 Zuschau­er lan­ge nicht aus, außer­dem waren die Zu- und Aus­gän­ge schmut­zig“ kri­ti­sier­te die Sport­pres­se. Fer­ner wur­den die Ein­tritts­gel­der (man zahl­te drei Mark für die Tri­bü­ne; 2,50 Mark für einen Sitz­platz und Schü­ler sowie Sol­da­ten 40–50 Pfen­nig) hef­tig kri­ti­siert. Die Mann­schaf­ten – Süd­deutsch­land und Ber­lin – wur­den „in schreck­li­chen elek­tri­schen Rum­pel­käs­ten (Auto-Omni­bus genannt)“ vom Hotel zum Sta­di­on gefah­ren. Auf­grund der Käl­te, lief KFV-Stür­mer Gott­fried Fuchs sogar in einem adret­ten Woll­schal auf. Der KFV stell­te sechs (!) Spie­ler der Final­elf aus Süd­deutsch­land. Die „Kano­nen der VSFV-Aus­wahl“ (Illus­trier­te Sport­zei­tung) gaben dann auch den Ton an: Fuchs erziel­te drei, Hirsch zwei und För­de­rer ein Tor. Ein KFV-Tor­spek­ta­kel! Fuchs drib­bel­te im Spiel „durch fünf Geg­ner“ und För­de­rers ein­zig­ar­ti­ge Ball­be­hand­lung ließ das Publi­kum erstau­nen. Als der 1,90 Meter gro­ße Schieds­rich­ter Edgar Blü­her abpfiff, brach Jubel bei den Süd­deut­schen aus. Zum zwei­ten Mal wur­de der Kron­prin­zen­po­kal gewon­nen. Die Süd­deut­schen waren zuvor kei­nes­wegs der Favo­rit gewe­sen, denn die Ber­li­ner stell­ten mit der Ber­li­ner TuFC Uni­on 1892 immer­hin den amtie­ren­den deut­schen Meis­ter und Rekord­meis­ter mit drei Titeln und zwei Vize­meis­ter­schaf­ten. Der Ber­li­ner „Rasen­sport“ schwärm­te nach dem Fina­le: „Schnel­lig­keit, Tech­nik, Schuss, Plat­zie­ren, Sich­ver­ste­hen, Unei­gen­nüt­zig­keit, sowie schnel­les Erfas­sen und Aus­nüt­zen der sich bie­ten­den Chan­cen: alle die­se Eigen­schaf­ten sind in hohem Maße vor­han­den. Und man wünsch­te sich: Wenn dass doch unse­re Leu­te auch so könnten!“

18. Febru­ar 1912, End­spiel um den Kron­prin­zen­po­kal
Süd­deutsch­land – Ber­lin 6:5 (3:2)
Süd­deutsch­land: Kie­ferl (Wacker Mün­chen), Paul Kühn­le (Stutt­gar­ter Kickers), Wil­li Gros, Juli­us Hirsch, Gott­fried Fuchs, Fritz För­de­rer, Ernst Hol­lstein, Max Bre­u­nig (alle KFV), Karl Wege­le (Phö­nix Karls­ru­he), Fritz Höf­ler (FV Kai­sers­lau­tern), Karl Bur­ger (Fürth)
Tore: 1:0 ? (1. Minu­te), 1:1 Fuchs (12.), 1:2 För­de­rer (18.), 1:3 Hirsch (28.), 2:3 Kug­ler (33., Elf­me­ter), 2:4 Fuchs (53.), 3:4 Worpitz­ky (60.), 3:5 Fuchs (69.), 3:6 Hirsch (70.), 4:6 Krü­ger (80.), Worpitz­ky 5:6 (84.).
Uni­on-Sport­platz in Mari­en­dorf, Ber­lin, Zuschau­er: 6000.
Schieds­rich­ter: Edgar Blü­her (Leip­zig)